Tierquälerei im Kinderzimmer- Sorgen Sie dafür, daß Sie und Ihre Kinder es besser machen!
Welche Fehler man bei der Haltung von Meerschweinchen und Kaninchen nicht machen darf
Von Dr.med.vet. Claudia Veit
Die meisten Kinder finden Tiere toll und wollen gern selbst welche haben. Da die Betreuung von Haustieren das Verantwortungsgefühl fördert und Tiere sich - wissenschaftlich nachgewiesen! - sehr positiv auf Psyche, Sozialverhalten und Gesundheit von Menschen auswirken, werden also Haustiere angeschafft. So weit, so gut. Wenn jetzt aber die Eltern versagen, artet das Ganze möglicherweise in ungewollte Tierquälerei aus. (Das betrifft grundsätzlich alle Haustiere, aber hier geht es konkret um die für Kinder besonders beliebten „Käfigtiere“.) Da Meerschweinchen und Kaninchen nicht um Hilfe schreien können, bleibt das Elend im Kinderzimmer zu oft unbemerkt. Neben den Opfern von Massentierhaltung und Schlachttiertransporten gehören die vielen aus Unwissenheit oder Faulheit verwahrlosten, kranken Kleinsäuger wohl zu den am meisten gequälten Tieren in Deutschland! Sorgen Sie dafür, daß Sie und Ihre Kinder es besser machen!
Tierhaltung braucht Sachverstand
Haustiere sind völlig von ihren Menschen abhängig. Sie können nicht selbst für ihre artgemäße, tierschutzgerechte Haltung sorgen. Ohne gründliche vorherige Information sollte deshalb kein Tier angeschafft werden. Leider stehen sogar in schön aufgemachten, bunt bebilderten Büchern oft grundfalsche Dinge. Deshalb sollte man schon die Informationen sorgfältig auswählen. Besonders empfehlenswert sind der Ratgeber „Wissenswertes über Meerschweinchen“ von der Meerschweinchenhilfe (über www.meerschweinchenhilfe.de und in der Kleintierpraxis Dr. Veit in HD-Handschuhsheim erhältlich) und die Broschüre „Kaninchenhaltung mit Herz und Verstand“ der Kaninchenhilfe (über www.kaninchenhilfe.at erhältlich). Auch die beiden Bücher von Ruth Morgenegg: „Artgerechte Haltung, ein Grundrecht auch für Meerschweinchen“ und „Artgerechte Haltung, ein Grundrecht auch für (Zwerg)Kaninchen“ sind lesenswert. Beim Deutschen Tierschutzbund und im Tierheim erhalten Sie die Informationsbroschüren „Haltung von Meerschweinchen“ und „Haltung von Kaninchen“, die einen ersten kurzen Überblick vermitteln. Außerdem berät man Sie im Tierheim und in Tierarztpraxen gern über artgerechte Tierhaltung – auch und gerade vor der Anschaffung eines Haustiers!
Keine Einzelhaft für soziale Tiere!
Meerschweinchen und Kaninchen müssen wenigstens zu zweit gehalten werden. Einzelhaft läßt diese geselligen Tiere seelisch verkümmern. Daran ändert auch die intensive Beschäftigung der Menschen mit dem Tier nichts; ein Artgenosse kann niemals ersetzt werden! Die in Zoohandlungen oft empfohlene Haltung von Meerschweinchen zusammen mit Kaninchen ist nicht ratsam. Beide Tierarten haben ein völlig unterschiedliches Sozialverhalten und sprechen ganz verschiedene „Sprachen“ – sie passen als Lebenspartner etwa so gut zusammen wie ein Mensch und ein Gorilla. Sogar Todesfälle kommen bei solch ungeeigneter Mischhaltung immer wieder vor! Gemischte Gruppen funktionieren nur in sehr großen Gehegen, wenn von jeder Tierart wenigsten zwei gehalten werden.
Die friedlicheren Meerschweinchen kann man in gleichgeschlechtlichen Gruppen oder als „Harem“ (ein kastriertes Böcken mit mehreren Weibchen) halten. Bei den aggressiven Kaninchen vergesellschaftet man am besten ein kastriertes Männchen mit einem oder mehreren, sinnvollerweise ebenfalls kastrierten Weibchen oder hält nur Weibchen. Die Männchen sind bei beiden Tierarten untereinander häufig unverträglich (ganz besonders in Gegenwart von Weibchen!). Bei Kaninchen vertragen sich selbst Wurfbrüder im Erwachsenenalter oft nicht mehr gut.
Auch kleine Tiere brauchen viel Platz!
Käfigtiere wie Meerschweinchen und Kaninchen müssen ihr ganzes Leben auf der zur Verfügung gestellten Fläche verbringen. Würden Sie selbst gern ein Einzimmerappartement bewohnen und niemals verlassen, in dem sie schon nach ein bis zwei Schritten an der nächsten Wand anstoßen? In solchen „Wohnklos“ sollen unsere Tiere glücklich und gesund sein?
Für ein Zwergkaninchen von einem Kilo Körpergewicht wird eine Käfiggrundfläche von mindestens 100cm x 60cm empfohlen. Größere Tiere benötigen selbstverständlich auch mehr Platz. Werden mehrere Tiere zusammen gehalten, erhöht sich der Platzbedarf noch einmal. Aber auch diese Flächen sind ohne zusätzlichen Freilauf tierquälerisch. Bewegungsmangel macht krank! Die empfindlichen Kaninchen leiden darunter ganz besonders und entwickeln unter anderem Verdauungsstörungen, Fettsucht, Herzverfettung und Knochenprobleme.
Fast alle im Handel käuflichen Käfige sind viel, viel, viel zu klein! Ideal sind Zimmer- oder Außengehege mit mehreren Quadratmetern Grundfläche und reich strukturierter Einrichtung (Verstecke, Klettermöglichkeiten etc.). Kleintierzimmer sollten strapazierfähige Böden und Wände ohne erreichbare Elektroleitungen haben. Wenn in einem raubtiersicher eingezäunten Außengehege ein wetterfester, gut isolierter Stall mit reichlich Stroh zur Verfügung steht und die Tiere im Sommer eingewöhnt werden, ist die ganzjährige Haltung im Freien problemlos möglich.
Artgerechte Ernährung verhütet Krankheiten
Meerschweinchen und Kaninchen sind Grasfresser. Ihr ganzer Verdauungsapparat ist von den lebenslang nachwachsenden Zähnen über den schwach bemuskelten Stopfmagen bis zum gärkammerartig arbeitenden Darm auf nährstoffarme Kost ausgelegt. Unsere Kleinsäuger brauchen reichlich Rauhfaser (Rohfasergehalt im Futter über 20%) und wenig Fett und Kohlenhydrate. „Langstrukturierte Rauhfaser“ im Sinne von Heu- und Grashalmen ist viel besser als zerkleinertes Fasermaterial (Pellets, Cobs). Solches artgerechtes Futter ist nicht nur gesund, sondern hilft auch gegen die übliche Langeweile der Käfigtiere (schließlich dauert es länger als bei kalorienreichem Futter, bis das Tier satt ist!).
Die artgerechte Ernährung macht allerdings vergleichsweise viel Mühe: man muß täglich mehrmals gutes Heu und Frischfutter verfüttern. Heu bekommt man in Zoogeschäften, bei Bauern, in Reitställen und in manchen Tierarztpraxen. Im Sommer sammelt man zusätzlich Gräser und Kräuter am Wegesrand und auf Wiesen und bringt frische, ungespritzte Obstbaumzweige mit. Als Ergänzung eignen sich Senfblätter, Möhrengrün, Mangold, Spinat, Kohlrabiblätter, Karotten, Petersilienwurzel etc. aus dem eigenen Garten oder vom Markt. Im Winter ist die Frischfütterung zwangsläufig aufwendiger, aber selbst gesätes Katzengras und Küchenkräuter gedeihen auch auf der Fensterbank und Rukola, Feld- oder Ackersalatblätter, Möhrengrün, Kohlrabiblätter etc. sind auch im Winter erhältlich. Salat und Obst soll grundsätzlich nur in kleinsten Mengen als Leckerli gefüttert werden. Getreide, Zucker und Milchprodukte machen krank und sind deshalb strikt verboten! Getreidehaltige Pellets, Buntfutter mit Mais- und Getreidekörnern, Knabberstangen, Nagerwaffeln, hartes Brot, Zwieback, Knäckebrot, süßes Gebäck, Joghurtdrops und anderes werden zwar ansprechend aufgemacht vermarktet, sind aber genauso gesund wie für uns Menschen Zigaretten oder Schnaps. Auch wenn die Tiere so etwas gerne fressen, ist es zur Ernährung nicht geeignet! Es drohen chronische Zahnprobleme, schmerzhafte Abszesse, Stoffwechselstörungen, Durchfälle, erhöhte Krankheitsanfälligkeit und eine deutlich verkürzte Lebenserwartung.
Auch kleine Tiere machen Arbeit
Kinder sollen zwar bei der Versorgung ihrer Meerschweinchen oder Kaninchen helfen, aber die Verantwortung vollständig übernehmen Kinder selbst dann nicht, wenn sie für ihr Alter besonders verständig und aufgeweckt sind. Also müssen die Eltern konsequent die tägliche Pflege überwachen oder nötigenfalls selbst übernehmen. Deshalb sollte vor der Anschaffung genau überlegt werden, wie viel Zeit die Tierpflege in Anspruch nimmt und ob diese Aufgaben problemlos in die familiäre Alltagsroutine integriert werden können.
Wenigstens zweimal täglich werden Heu, Futter und Wasser frisch gegeben. Wasser- und Futternäpfe sowie die Toilettenecke des Käfigs müssen täglich gründlich gereinigt werden, und zwar 365 mal im Jahr, auch an Sonn- und Feiertagen! Täglich müssen auch Gesundheitszustand, Krallenlänge und Körpergewicht der Tiere beurteilt werden, bei langhaarigen Tieren verbunden mit der täglichen Fellpflege. Jeden Tag muß frisches Grünfutter geerntet oder eingekauft werden. Frischfutterreste sind mehrmals täglich zu entfernen – vor allem im Sommer! Der Käfig erfordert je nach Größe und Einstreu wenigstens einmal pro Woche eine gründliche Reinigung und mehrmals im Jahr oder zusätzlich im Krankheitsfall eine Großputzaktion inclusive des Abschrubbens aller Gitterstangen, Schlafhäuschen, Klettergerüste etc..
Einen kleinen Vorgeschmack auf die Arbeit bekommt man durch die Urlaubspflege von Tieren, deren Besitzer verreist sind, und durch die ehrenamtliche Mitarbeit im Tierheim.
Tiere kosten Geld
Meerschweinchen und Kaninchen sind in der Anschaffung vergleichsweise preiswert. Während man für einen Rassehund und eine Rassekatze schnell weit über € 1000,- hinblättern muß, kosten solche Käfigtiere meist nur € 10,- bis € 50,- und selbst mit edlem Stammbaum selten über € 100,-. Ein artgerechter, ausreichend großer Käfig ist allerdings richtig teuer - oder muß unter Einsatz von Zeit und Geld selbst gebaut werden. Und wie beim Auto darf man die laufenden Kosten für den Unterhalt nicht unterschätzen: Unmengen von Heu und Einstreu müssen bezahlt werden, und wer keinen Garten hat, sondern (Bio-)Kräuter und (Bio-)Gemüse kaufen muß, ist dafür schnell viel Geld los! Das Taschengeld eines Kindes reicht normalerweise nicht, um Kleinsäuger artgerecht zu halten und zu ernähren.
Und was, wenn die Tiere nicht machen was sie sollen?
Oft werden Tiere mit völlig falschen Erwartungen angeschafft. Kaninchen sehen so schnuckelig aus und ihr flauschiges Fell lädt zum Streicheln ein; Meerschweinchen wirken putzig und scheinen immer freundlich zu gucken. Über diesen Eindrücken wird gerne vergessen, daß es sich bei beiden Tierarten um schreckhafte Fluchttiere handelt, die einen engen Körperkontakt zu größeren Lebewesen nicht nur nicht genießen, sondern geradezu fürchten. Die Schreckstarre in regelrechter Todesangst kann leicht mit Genuß verwechselt werden. Plötzliche Abwehrbewegungen führen immer wieder zu Verletzungen – sei es, daß ein Kind gekratzt oder gebissen wird, sei es, daß sich das verschreckte Tier beim Vom-Arm-Fallen die Knochen bricht.
Kaninchen sind sehr aggressive Tiere. Sie verteidigen ihr Revier normalerweise heftig, oft genug auch gegen die sie liebenden Menschen. Missverständnisse und Enttäuschungen sind so vorprogrammiert.
Tiere leben möglicherweise länger als das Interesse eines Kindes anhält!
Meerschweinchen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von vier bis sechs Jahren, Kaninchen leben etwa sechs bis acht Jahre. In Einzelfällen kann ein Alter von über zehn Jahren erreicht werden. Auch wenn das elfjährige Kind anfangs mit Begeisterung für seine Meerschweinchen oder Kaninchen da ist – vielleicht hat drei Jahre später der Teenager völlig andere Interessen? Was passiert dann mit den Tieren? Die Tierheime müssen allzu oft als Auffangstation und letzte Rettung für unüberlegt angeschaffte Haustiere einspringen.
Fazit
Meerschweinchen und Kaninchen sind tolle Tiere. In einem artgerechten Lebensraum gehalten, zeigen Sie ungestört ihre spannenden sozialen Verhaltensweisen. Wenn man geduldig, ruhig und verständig mit ihnen umgeht, können sie sehr zahm werden. Schmusetiere sind es allerdings nicht, und auf die einzelnen Charaktere muß man Rücksicht nehmen.
Man sollte sie – wie Tiere grundsätzlich - wirklich nur nach reiflicher Überlegung anschaffen. Schließlich übernimmt man für die nächsten fünf bis zehn Jahre die Verantwortung für völlig abhängige Lebewesen.
Quellennachweis:
Frau Dr. med. vet. Claudia Veit, Tierschutzverein für Heidelberg und
Umgebung e. V., TH-Magazin Frühjahr/Sommer 2010